Schweizer Tennis nach Federer: Was bleibt?
von belmedia Redaktion -schweizweit Allgemein ATP Tour Europa events24.ch Grand Slams Magazine nachrichtenticker.ch Nachwuchs News Orte Regionen Resultate Schweiz Schweiz Schweizer Tennis Spiele Sport Sport & Spiel sportaktuell.ch Tennis tennis.ch Themen Turniere WTA Tour Ⳇ Verbreitung
Roger Federer machte aus Tennis in der Schweiz zeitweise ein nationales Ereignis. Martina Hingis stand schon als Teenagerin an der Spitze der Welt, Stan Wawrinka gewann drei Grand-Slam-Titel, Belinda Bencic wurde Olympiasiegerin. Eine solche Häufung von Weltklasse ist alles andere als selbstverständlich.
Seit Federers Rücktritt fehlt dem Schweizer Tennis deshalb jene Persönlichkeit, wegen der selbst Menschen Wimbledon oder die Australian Open einschalteten, die sonst kaum einen Tennismatch verfolgten. Doch hat die Schweiz deshalb tatsächlich das Interesse an diesem Sport verloren? Die aktuellen Zahlen erzählen eine andere Geschichte: Der Federer-Effekt ist verschwunden – Tennis aber keineswegs.
Die Ausgangsfrage lässt sich nicht allein mit Fernsehquoten beantworten. Tennisbegeisterung zeigt sich auf mehreren Ebenen: bei den Menschen vor dem Bildschirm, auf den Tribünen, in den Clubs, im Nachwuchs und natürlich bei der Frage, ob Schweizer Spielerinnen und Spieler weiterhin international eine Rolle spielen.
Genau dort wird das Bild interessant. Die Schweiz besitzt heute keinen Roger Federer mehr. Sie hat derzeit bei den Männern auch keinen Spieler in der absoluten Weltspitze. Trotzdem erreichen die Lizenzzahlen im Breitensport einen langjährigen Höchststand, der Nachwuchs wächst und die Swiss Indoors Basel funktionieren weiterhin als internationales Spitzenturnier.
Die Schweiz hat also nicht das Tennis verloren. Was sie verloren hat, ist eine aussergewöhnliche Gewohnheit: Fast zwei Jahrzehnte lang durfte sie davon ausgehen, dass ein Schweizer bei den grössten Turnieren der Welt um Titel spielen kann.
Federer war weit mehr als die Schweizer Nummer eins
Um zu verstehen, weshalb sich Tennis heute anders anfühlt, muss man sich zunächst vor Augen führen, wie aussergewöhnlich die Ära Roger Federer tatsächlich war.
Federer gewann 20 Grand-Slam-Titel, 103 ATP-Einzeltitel und stand insgesamt 310 Wochen an der Spitze der Weltrangliste. 237 Wochen lang führte er das Ranking sogar ununterbrochen an.
Solche Zahlen erklären seine sporthistorische Bedeutung. Sie erklären aber noch nicht, weshalb Federer in der Schweiz eine gesellschaftliche Wirkung entwickelte, die weit über den Tennissport hinausging.
Federer brachte Menschen vor den Fernseher, die normalerweise weder ATP-Ranglisten studierten noch ein Masters-Turnier verfolgten. Bei Wimbledon, den Australian Open oder den US Open wurde sein Spiel zum nationalen Ereignis.
Ein besonders eindrückliches Beispiel ist der Wimbledon-Final 2019 gegen Novak Djokovic. Durchschnittlich 698’000 Menschen in der Deutschschweiz sahen die fast fünfstündige Partie auf SRF zwei. Der Marktanteil betrug 62,5 Prozent. Im entscheidenden Moment waren 1,233 Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer zugeschaltet. Zusätzlich wurden mehr als 360’000 Starts des Online-Livestreams registriert.
Das sind keine gewöhnlichen Tenniswerte. Das ist die Reichweite eines nationalen Sportidols.
Wer die Dimension dieser Karriere nochmals nachvollziehen möchte, findet auch einen ausführlichen Rückblick auf Federers 20 Grand-Slam-Titel, seine 310 Wochen als Nummer eins und seinen Weg vom Basler Junior zum Weltstar.
Martina Hingis hatte die Schweiz schon vorher an die Weltspitze geführt
Federer war nicht der Anfang dieser aussergewöhnlichen Schweizer Tennisgeschichte.
Martina Hingis wurde 1997 mit gerade einmal 16 Jahren die jüngste Nummer eins der WTA-Geschichte. Sie gewann fünf Grand-Slam-Titel im Einzel und stand insgesamt 209 Wochen an der Spitze der Einzel-Weltrangliste.
Hinzu kamen herausragende Erfolge im Doppel und Mixed. Insgesamt gewann Hingis 25 Grand-Slam-Titel über alle Disziplinen hinweg.
Ihre Karriere verlief allerdings anders als jene Federers. Hingis trat mehrfach zurück und kehrte später nochmals erfolgreich auf die Tour zurück. Als sie 2017 endgültig aufhörte, gab es deshalb keinen vergleichbaren Bruch im Schweizer Tennis.
Federer war weiterhin Weltklasse. Wawrinka gehörte zu den besten Spielern der Welt. Bencic hatte sich international längst etabliert.
Der Rücktritt Federers im Jahr 2022 hinterliess deshalb ein wesentlich grösseres Loch.
Der grösste Verlust betrifft das Gelegenheits-Publikum
Genau hier liegt vermutlich die grösste Veränderung seit Federer.
Die hartgesottenen Tennisfans verfolgen weiterhin Grand Slams, Masters-Turniere und die Weltranglisten. Aber für einen erheblichen Teil des Schweizer Publikums war Tennis während Federers Karriere unmittelbar mit seiner Person verbunden.
Ein Halbfinal oder Final mit Federer war nicht bloss Sportprogramm. Es wurde zum Gesprächsthema am Arbeitsplatz, in Restaurants und in Familien. Menschen planten teilweise ihre Sonntage um seine Matches herum.
Dieses Gelegenheits-Publikum lässt sich nicht einfach auf einen anderen Spieler übertragen.
Das erklärt, weshalb Tennis heute medial weniger dominant wirken kann, obwohl die tatsächliche Basis des Sports stabil geblieben ist.
Auf den Schweizer Tennisplätzen zeigt sich nämlich das Gegenteil eines Niedergangs
Die aktuellen Zahlen von Swiss Tennis sind vielleicht der wichtigste Befund der gesamten Debatte.
2025 waren 53’555 lizenzierte Spielerinnen und Spieler beim Verband registriert. Damit wurde der höchste Stand seit 2012 erreicht.
Gegenüber dem Vorjahr nahm die Zahl nochmals zu. Besonders bemerkenswert ist, woher dieses Wachstum kommt: Rund 60 Prozent des Zuwachses entfielen auf die Kategorie der unter 18-Jährigen. Besonders stark entwickelte sich der Bereich der Juniorinnen.
Auch die Nachwuchsdaten sprechen eine klare Sprache. Knapp 48’000 Kinder und Jugendliche zwischen fünf und 20 Jahren nahmen 2025 an J+S-Tennistrainings teil. Swiss Tennis spricht von einem historischen Höchststand.
Das ist für die Frage nach dem Federer-Effekt entscheidend.
Federer spielt seit 2022 nicht mehr professionell. Hingis ist längst zurückgetreten. Trotzdem nimmt die Beteiligung junger Menschen nicht ab, sondern erreicht Rekordwerte.
Wer daraus einen Niedergang des Schweizer Tennissports ableiten möchte, müsste erklären, weshalb gleichzeitig mehr Nachwuchs auf den Courts steht.
Die Federer-Generation wirkt wahrscheinlich bis heute nach
Eine mögliche Erklärung liegt in der zeitlichen Verzögerung solcher Vorbilder.
Kinder, die Federer während seiner späten Karriere erlebten, sind heute Jugendliche oder junge Erwachsene. Clubs, Trainer und Eltern profitierten während zwei Jahrzehnten von einer aussergewöhnlichen Sichtbarkeit ihres Sports.
Federer musste also nicht mehr aktiv spielen, damit dieser Effekt von einem Tag auf den anderen verschwindet.
Hinzu kommt, dass Tennis für viele Familien attraktiv bleibt. Der Sport kann bereits im Kindesalter erlernt und später bis ins hohe Alter betrieben werden. Einzel, Doppel, Wettkampf- und Freizeitspiel existieren nebeneinander.
Swiss Tennis passt auch seine Wettbewerbsformen an unterschiedliche Altersgruppen an. Neben dem Nachwuchs wächst beispielsweise ebenfalls die Bedeutung älterer Spielerkategorien.
Der Tennissport besitzt damit eine Stärke, die nicht von einem einzelnen Superstar abhängt: Er funktioniert als lebenslanger Breitensport.
Die Swiss Indoors zeigen, dass Spitzentennis weiterhin Publikum findet
Ein weiterer Gradmesser liegt ausgerechnet in Federers Heimatstadt Basel.
Die Swiss Indoors waren über Jahre eng mit Federer verbunden. Zehnmal gewann er sein Heimturnier. Die Bilder der vollbesetzten St. Jakobshalle gehörten zum Schweizer Sportherbst.
Man hätte deshalb erwarten können, dass das Turnier nach seinem Rücktritt massiv an Bedeutung verliert.
Davon kann keine Rede sein.
Der Final 2025 war mit 8100 Zuschauerinnen und Zuschauern ausverkauft. Sieger wurde der damals 19-jährige Brasilianer João Fonseca, der Alejandro Davidovich Fokina in zwei Sätzen bezwang.
Gerade diese Konstellation ist symbolisch für die neue Zeit.
Die Halle war nicht voll, weil Federer spielte. Sie war voll, weil hervorragendes Tennis gespielt wurde und ein junger Athlet das Publikum begeisterte.
Stan Wawrinka verbindet die alte Ära noch mit der Gegenwart
Ganz abgeschlossen ist die erfolgreichste Schweizer Männergeneration allerdings noch nicht.
Stan Wawrinka bestreitet 2026 seine letzte Profisaison. Der dreifache Grand-Slam-Champion hat angekündigt, seine Karriere Ende des Jahres zu beenden.
Wawrinkas Laufbahn würde in fast jedem Tennisland als einmalige Generation gelten. Er gewann die Australian Open 2014, Roland Garros 2015 und die US Open 2016. Seine höchste Platzierung in der Weltrangliste war Rang drei.
Dass diese Karriere zeitweise im Schatten Federers stand, sagt weniger über Wawrinka als über die aussergewöhnliche Epoche aus, in der beide spielten.
Drei Grand-Slam-Titel während der Ära von Federer, Nadal und Djokovic zu gewinnen, gehört zu den bemerkenswertesten Leistungen der jüngeren Tennisgeschichte.
Mit seinem Abschied endet nun endgültig ein Kapitel.
Die Schweiz muss sich daran gewöhnen, dass bei den Männern nicht automatisch ein Grand-Slam-Champion bereitsteht.
Belinda Bencic ist heute das Schweizer Aushängeschild
Bei den Frauen sieht die Situation deutlich besser aus.
Belinda Bencic gehört weiterhin zur Weltspitze. Die Olympiasiegerin von Tokio kehrte nach der Geburt ihrer Tochter bemerkenswert erfolgreich auf die Tour zurück.
2025 gewann sie erneut das WTA-Turnier in Abu Dhabi und erreichte in Wimbledon das Halbfinal. Damit stand sie keine 15 Monate nach der Geburt ihrer Tochter wieder unter den letzten vier Spielerinnen eines Grand-Slam-Turniers.
Aktuell wird Bencic auf Rang 12 der WTA-Weltrangliste geführt.
Sie ist damit eindeutig die wichtigste aktive Schweizer Tennisspielerin.
Ihre Bedeutung unterscheidet sich aber von jener Federers. Bencic trägt nicht die Erwartung, eine nationale Federer-Euphorie reproduzieren zu müssen.
Und genau das wäre ohnehin ein unfairer Massstab.
Auch hinter Bencic existiert Schweizer Qualität
Viktorija Golubic hat über Jahre bewiesen, dass sie auf der WTA-Tour konkurrenzfähig ist. Gemeinsam mit Bencic gewann sie 2021 olympisches Silber im Doppel.
Simona Waltert hat sich ebenfalls näher an die internationale Spitze herangearbeitet und sammelte auf der WTA- und Challenger-Ebene wichtige Erfolge.
Dazu kommt eine jüngere Generation um Spielerinnen wie Celine Naef.
Keine von ihnen sollte vorschnell zur «nächsten Hingis» erklärt werden. Solche Vergleiche helfen dem Nachwuchs selten.
Die relevante Frage lautet vielmehr, ob die Schweiz weiterhin Spielerinnen hervorbringt, die den Sprung auf die internationale Tour schaffen können.
Darauf lautet die Antwort eindeutig Ja.
Bei den Männern ist die Lücke wesentlich grösser
Bei den Schweizer Männern zeigt die Weltrangliste die schwierigere Realität.
Aktuell befindet sich kein Schweizer in den Top 150 der ATP-Weltrangliste. Jérôme Kym wird derzeit um Rang 180 geführt, weitere Schweizer folgen dahinter.
Das ist ein fundamentaler Unterschied zu den besten Federer/Wawrinka-Jahren, als gleichzeitig zwei Schweizer ganz vorne in der Weltspitze standen.
Es bedeutet aber nicht, dass keine Perspektiven vorhanden wären.
Leandro Riedi besitzt mit Rang 117 bereits einen respektablen Karrierebestwert. Jérôme Kym erreichte ebenfalls bereits die Nähe der Top 120 und sammelte auf Grand-Slam-Ebene wertvolle Erfahrung.
Der Schritt von einem talentierten Spieler zur konstanten Top-50-Kraft ist allerdings enorm.
Und genau an dieser Stelle ist Zurückhaltung wichtiger als nationale Hoffnung.
Henry Bernet ist eines der spannendsten Schweizer Zukunftsprojekte
Besonders viel Aufmerksamkeit erhält Henry Bernet.
Der Basler gewann 2025 das Juniorenturnier der Australian Open und stieg später zur Nummer eins der Junioren-Weltrangliste auf.
Das sind aussergewöhnliche Nachwuchsleistungen.
Gleichzeitig wäre es unseriös, daraus schon eine zukünftige Weltkarriere abzuleiten.
Der Übergang vom Juniorentennis zur ATP-Tour gehört zu den härtesten Entwicklungsschritten im internationalen Sport. Spieler treffen plötzlich auf körperlich ausgereifte Profis, reisen permanent und müssen Woche für Woche Punkte verteidigen.
Viele frühere Junioren-Champions haben später die Top 10 erreicht. Andere schafften den Durchbruch nie.
Bernet besitzt deshalb etwas sehr Wertvolles: Potenzial.
Was daraus wird, entscheidet sich erst in den kommenden Jahren.
Die Schweiz braucht nicht zwingend den nächsten Federer
Vielleicht ist genau das die wichtigste Lektion dieser Übergangsphase.
Die Erwartung, nach Roger Federer müsse sofort der nächste Schweizer Weltstar erscheinen, ist sporthistorisch absurd.
Federer gehört zu einer winzigen Gruppe von Spielern, die ihre gesamte Sportart verändert haben.
Ein funktionierendes Tennissystem darf deshalb nicht daran gemessen werden, ob es alle 15 Jahre einen 20-fachen Grand-Slam-Champion produziert.
Viel aussagekräftiger sind Clubstrukturen, Nachwuchszahlen, Trainerqualität, internationale Juniorenerfolge und die Fähigkeit, Profis auf die Tour zu bringen.
Gerade diese Basis entwickelt sich in der Schweiz weiterhin positiv. Auch die jüngsten Rekordzahlen im Schweizer Wettkampf- und Nachwuchstennis zeigen, dass die Sportart strukturell keineswegs auf dem Rückzug ist.
International endet gleichzeitig die grösste Tennisära
Die Schweiz erlebt diesen Generationenwechsel nicht allein.
Das gesamte Männertennis verabschiedet sich gerade von einer Epoche, die möglicherweise nie wieder in derselben Form zurückkehrt.
Federer ist weg. Rafael Nadal hat seine Profikarriere ebenfalls beendet. Novak Djokovic ist der letzte aktive Vertreter jener drei Spieler, die über anderthalb Jahrzehnte den Massstab bestimmten.
Djokovic besitzt 24 Grand-Slam-Titel und damit den Rekord im Männereinzel.
Und noch immer ist er konkurrenzfähig.
2026 erreichte der Serbe mit 38 Jahren den Final der Australian Open. Dort unterlag er Carlos Alcaraz. Im aktuellen ATP-Ranking liegt Djokovic weiterhin auf Rang fünf.
Er ist damit etwas Seltenes geworden: aktiver Weltklassespieler und gleichzeitig lebende historische Referenz.
Alcaraz und Sinner haben die Führung übernommen
Während Djokovic das letzte Bindeglied zur alten Generation darstellt, hat der Machtwechsel an der Spitze längst stattgefunden.
Jannik Sinner führt aktuell die ATP-Weltrangliste an. Carlos Alcaraz folgt auf Rang zwei.
Alcaraz gewann 2026 erstmals die Australian Open. Im Final besiegte er Djokovic in vier Sätzen und komplettierte damit im Alter von 22 Jahren seinen Karriere-Grand-Slam.
Kein Mann hatte zuvor in diesem Alter bereits alle vier Grand-Slam-Turniere mindestens einmal gewonnen.
Mit sieben Major-Titeln besitzt Alcaraz schon heute eine Karriere, von der fast jeder Profispieler nur träumen kann.
Sinner wiederum gewann im Juli Wimbledon 2026 und steht wieder an der Spitze der Weltrangliste.
Die Rivalität zwischen beiden besitzt bereits vieles, was Tennis benötigt: völlig unterschiedliche Persönlichkeiten, unterschiedliche Spielweisen, grosse Finals und ein Alter, das jahrelange Duelle ermöglicht.
Aber die neue Generation besteht nicht nur aus zwei Spielern
Alexander Zverev beendete 2026 bei Roland Garros seinen langen Kampf um einen ersten Grand-Slam-Titel. Im Final bezwang er Flavio Cobolli in fünf Sätzen.
Auch Spieler wie Ben Shelton, Félix Auger-Aliassime, Learner Tien, Jakub Mensik oder Arthur Fils gehören zu einer Weltspitze, die sich zunehmend verbreitert.
Und dann ist da João Fonseca.
João Fonseca besitzt bereits eine besondere Verbindung zur Schweiz
Der Brasilianer ist für das Schweizer Publikum besonders interessant, weil seine internationale Geschichte früh durch Basel führte.
Mit 19 Jahren gewann Fonseca 2025 die Swiss Indoors und wurde damit der jüngste Basel-Champion seit 1989.
Er begeisterte die St. Jakobshalle mit aggressivem Grundlinienspiel, enormer Schlaghärte und einer für sein Alter bemerkenswerten Ruhe.
Mittlerweile steht Fonseca bereits in den Top 30 der Welt.
Damit verkörpert er genau jene neue Generation, nach der Tennis seit Jahren sucht.
Ob aus ihm tatsächlich ein langfristiger Grand-Slam-Champion wird, lässt sich heute nicht seriös beantworten.
Dass er das Potenzial besitzt, ein bedeutender Publikumsliebling zu werden, ist dagegen offensichtlich.
Auch bei den Frauen entstehen neue Idole
Das Frauentennis ist gegenwärtig noch weniger auf zwei oder drei Persönlichkeiten konzentriert.
Aryna Sabalenka führt aktuell die Weltrangliste an. Dahinter folgen Elena Rybakina, Jessica Pegula, Coco Gauff und Iga Swiatek.
Mit Mirra Andreeva, Linda Noskova, Iva Jovic, Victoria Mboko oder Alexandra Eala hat gleichzeitig eine ausgesprochen junge Generation bereits den Weg in die internationale Spitze gefunden.
Gerade diese Vielfalt unterscheidet die aktuelle Phase von früheren Epochen, die stärker von einzelnen Superstars geprägt wurden.
Für Tennis kann das zunächst weniger spektakulär wirken. Langfristig kann daraus aber eine sehr attraktive Konkurrenz entstehen.
Was verfolgt die Schweiz heute?
Der Schweizer Tennisfan hat deshalb mehrere Ebenen.
Da ist weiterhin die emotionale Verbindung zur alten Generation. Federer bleibt eine der bekanntesten Schweizer Persönlichkeiten überhaupt. Wawrinkas Abschied wird 2026 entsprechend aufmerksam begleitet.
Dann gibt es mit Bencic eine Spielerin, die weiterhin realistische Chancen besitzt, bei grossen Turnieren weit zu kommen.
Hinzu kommt die Neugier auf Riedi, Kym, Bernet und weitere Schweizer Talente.
Und schliesslich verfolgen Tennisfans international Djokovic, Sinner, Alcaraz, Sabalenka, Gauff, Swiatek und die vielen neuen Namen, die gerade entstehen.
Das Interesse ist damit breiter verteilt als während der Federer-Ära.
Der Unterschied zwischen Federer und heutigen Stars
Alcaraz oder Sinner können unglaubliche sportliche Karrieren erreichen. Trotzdem wäre es verfrüht, sie bereits mit Federers gesellschaftlicher Wirkung gleichzusetzen.
Ein Sportidol entsteht nicht allein durch Titel.
Es braucht Zeit.
Federer war über zwei Jahrzehnte Teil des Lebens seiner Fans. Menschen sahen ihn als jungen Spieler mit Pferdeschwanz, als dominierende Nummer eins, als Familienvater und schliesslich als älteren Champion, der noch einmal zurückkam.
Eine solche Verbindung lässt sich nicht innerhalb von drei erfolgreichen Jahren aufbauen.
Alcaraz und Sinner haben deshalb nicht die Aufgabe, Federer und Nadal zu kopieren.
Sie müssen ihre eigene Geschichte schreiben.
Hat das Interesse in der Schweiz nun abgenommen?
Die Antwort hängt davon ab, was genau man misst.
Ja, die aussergewöhnliche nationale Aufmerksamkeit bei einzelnen Grand-Slam-Spielen ist kleiner geworden. Ohne Federer fehlt jene Figur, die auch Menschen mobilisierte, die sonst kaum Tennis konsumierten.
Nein, daraus lässt sich kein grundsätzlicher Bedeutungsverlust des Sports ableiten.
Die Swiss-Tennis-Lizenzzahlen stehen auf dem höchsten Niveau seit 2012. Beim Nachwuchs wird ein historischer Höchststand gemeldet. Die Swiss Indoors können weiterhin eine ausverkaufte St. Jakobshalle präsentieren. Bencic spielt in der Weltspitze, Schweizer Nachwuchsspieler drängen nach und internationale Jungstars finden auch hierzulande ein Publikum.
Vielleicht erlebt die Schweiz gerade wieder normales Tennis
Das klingt beinahe respektlos, ist aber wahrscheinlich die treffendste Beschreibung.
Während fast zwei Jahrzehnten lebte die Schweiz in einer sportlichen Ausnahmesituation.
Hingis war Nummer eins. Federer wurde zu einem der grössten Spieler der Geschichte. Wawrinka gewann drei Grand Slams. Bencic holte olympisches Gold.
Für ein Land mit rund neun Millionen Einwohnern ist das eine aussergewöhnliche Ansammlung internationaler Erfolge.
Es ist deshalb nicht das heutige Schweizer Tennis, das ungewöhnlich schwach wäre.
Ungewöhnlich stark war die Generation davor.
Das wichtigste Erbe Federers liegt vielleicht gar nicht bei den Profis
Federers grösstes Vermächtnis für das Schweizer Tennis könnte am Ende nicht aus seinen 20 Grand-Slam-Pokalen bestehen.
Es könnte in den Clubs liegen.
Bei jenen Kindern, die einen Schläger in die Hand nahmen, weil sie ihn in Wimbledon gesehen hatten. Bei Eltern, die Tennis plötzlich als Sport für ihre Kinder entdeckten. Bei Turnieren, Clubs und Trainern, die über Jahre von einer aussergewöhnlichen Aufmerksamkeit profitierten.
Wenn 2025 mehr als 53’000 Menschen eine Swiss-Tennis-Lizenz besitzen und knapp 48’000 Kinder und Jugendliche an J+S-Trainings teilnehmen, dann ist dies zumindest ein Hinweis darauf, dass diese Ära nachhaltige Spuren hinterlassen hat.
Die nächste grosse Schweizer Geschichte lässt sich nicht planen
Vielleicht wird Henry Bernet eines Tages ein Topspieler. Vielleicht schafft Riedi noch den Durchbruch. Vielleicht entwickelt sich Kym weiter. Vielleicht kommt die nächste Schweizer Weltklassespielerin aus einer Generation, deren Namen heute kaum jemand kennt.
Niemand kann das seriös vorhersagen.
Genau darin liegt aber auch die Faszination des Sports.
Roger Federer war nicht deshalb besonders, weil die Schweiz selbstverständlich Spieler wie ihn hervorbringt.
Er war besonders, weil Spieler wie Federer selbst in den grössten Tennisnationen nur äusserst selten entstehen.
Die Federer-Euphorie lässt sich deshalb nicht ersetzen – und sie muss auch nicht ersetzt werden. Entscheidend ist, dass Tennis in der Schweiz nach dieser historischen Generation nicht zusammengebrochen ist. Die Plätze sind besetzt, der Nachwuchs wächst, Basel bleibt voll und die nächste Generation steht bereits auf dem Court. Die Schweiz wartet nicht auf einen neuen Federer. Sie wartet auf ihre nächste eigene Geschichte.
Quelle: belmedia-Redaktion
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