National League 26/27: Fribourg ist der Gejagte – Bern, Lugano und Co. rüsten auf

Am 15. September beginnt die neue Saison der National League – und diesmal führt kein Weg an Fribourg-Gottéron vorbei. Nach 46 Jahren des Wartens haben die Drachen erstmals den Schweizer Meistertitel gewonnen. Nun beginnt die schwierigere Aufgabe: den Platz an der Spitze zu verteidigen.

Doch Bern rüstet auf, Lugano baut kräftig um, die ZSC Lions starten mit einem prominenten neuen Trainer und auch in Genf beginnt eine neue Ära. Gleichzeitig kommt die Liga aus einem Eishockey-Frühling, wie ihn die Schweiz lange nicht erlebt hat.

Es war einer dieser Momente, die eine Klubgeschichte in ein Davor und ein Danach teilen. Fribourg-Gottéron gewann im siebten Finalspiel in Davos nach Verlängerung 3:2 und wurde 2026 erstmals Schweizer Meister. Aus dem ewigen Anwärter wurde der Champion. Aus einer jahrzehntelangen Sehnsucht wurde Realität.

Wenn am 15. September die neue Regular Season beginnt, ist deshalb alles anders. Fribourg eröffnet seine Titelverteidigung auswärts beim EHC Biel. Die Drachen kommen nicht mehr als Mannschaft, die endlich ganz nach oben will. Sie kommen als jene Mannschaft, die jeder schlagen will.

Fribourg ist Meister – aber nicht mehr dasselbe Fribourg

Der Titelverteidiger steht vor einem interessanten Spagat. Die sportliche Substanz ist weiterhin beträchtlich, gleichzeitig hat sich das Gesicht der Mannschaft verändert. Reto Berra, Ty Rattie, Lucas Wallmark, Kyle Rau, Kevin Etter, Jeremi Gerber, Julien Rod, Juuso Arola und Simon Holdener gehören zu den Spielern, die den Klub verlassen haben. Dazu endet mit Julien Sprunger eine Ära, die wie kaum eine andere für Gottéron stand.

Neu dabei sind unter anderem Stürmer Anthony Richard, Jonas Taibel und Torhüter Ludovic Waeber. Gerade die Verpflichtung Waeber ist bedeutend, weil nach dem Abgang von Berra eine Schlüsselposition neu besetzt werden muss.

Das macht Fribourg besonders spannend. Der Meister muss nicht nur mit höheren Erwartungen leben, sondern gleichzeitig Hierarchien, Rollen und Automatismen neu ordnen. Der Titel hat dem Klub die historische Last genommen. Dafür trägt Gottéron nun etwas anderes: die Zielscheibe.

Der SC Bern greift an

Kaum ein Klub hat seine Absichten in diesem Sommer deutlicher formuliert als der SC Bern. Die Berner haben nicht einfach Breite eingekauft, sondern wichtige Positionen neu besetzt.

Rodrigo Ābols kommt von den Philadelphia Flyers aus der NHL und unterschrieb für drei Jahre. Der kräftige lettische Center bringt Grösse, Zwei-Weg-Qualitäten und internationale Erfahrung mit. In Bern dürfte er sofort Verantwortung übernehmen.

Noch fundamentaler ist der Umbau im Tor. Connor Hughes wechselte vom Lausanne HC zum SCB und erhielt einen Fünfjahresvertrag. Im Gegenzug ging Romain Loeffel nach Lausanne, während der bisherige Berner Torhüter Adam Reideborn den Klub ebenfalls verliess. Mit Hughes kann Bern künftig auf eine Schweizer Lösung auf einer der wichtigsten Positionen setzen.

Hinzu kommt Rodwin Dionicio. Der erst 22-jährige Verteidiger kehrt nach Stationen in Nordamerika und beim EHC Biel nach Bern zurück. In der vergangenen Saison gelangen ihm in 51 National-League-Partien 27 Skorerpunkte. Dionicio bringt genau jene Mischung aus Puckkontrolle, Offensive und Entwicklungspotenzial, die moderne Verteidiger so wertvoll macht.

Der SCB wirkt damit nicht wie ein Klub, der bloss Lücken geschlossen hat. Bern hat seine Achse verändert. Torhüter, Center, Verteidigung – das sind Bereiche, in denen Meisterschaften entschieden werden.

Lugano wagt einen tiefen Umbau

Wenn Bern gezielt nachgeschärft hat, dann ist Lugano deutlich weiter gegangen. Im Tessin wurde der Kader an zahlreichen Stellen verändert. Michael Sgarbossa verliess den Klub ebenso wie Nick Meile, Brendan Perlini, Jiri Sekac, Curtis Valk, Jakob Lee, Roberts Cjunskis und Stéphane Patry.

Auf der anderen Seite stehen zahlreiche neue Gesichter. Enzo Guebey und Harijs Cjunskis verstärken die Defensive, Jere Innala und Daniel Olsson kamen für den Angriff. Im weiteren Verlauf des Sommers stiessen unter anderem Lassi Thomson, Olle Lycksell und Nick Shore dazu.

Das ergibt einen Kader mit viel neuer Energie – aber auch mit einer Herausforderung. Ein grosser Name allein gewinnt keine Playoff-Serie. Entscheidend wird sein, wie schnell aus den Neuzugängen eine Mannschaft entsteht. Lugano besitzt genügend Talent, um erheblich gefährlicher zu werden. Die ersten Wochen werden zeigen, ob aus dem Umbau bereits eine neue sportliche Identität entstanden ist.

Zürich verändert nicht nur den Kader

Bei den ZSC Lions beginnt die Veränderung hinter der Bande. Claude Julien übernimmt das Team, unterstützt von René Matte. Julien bringt NHL-Erfahrung und eine Vita mit, die automatisch Aufmerksamkeit erzeugt.

Auch im Kader gibt es Bewegung. Tim Berni kommt aus Genf, Simon Knak aus Davos, Malte Strömwall von den Rapperswil-Jona Lakers und Joshua Fahrni von den SCL Tigers. Gleichzeitig haben unter anderem Daniil Ustinkov, Denis Hollenstein, Daniel Olsson, Vinzenz Rohrer und Harrison Schreiber die Organisation verlassen.

Der ZSC startet deshalb nicht als völlig neues Projekt, aber mit einer deutlich veränderten Handschrift. Die entscheidende Frage wird sein, wie rasch Claude Julien seine Vorstellungen auf eine Mannschaft übertragen kann, deren Anspruch unverändert hoch ist.

Genf setzt auf einen Trainer von europäischem Format

In Genève-Servette ist die wichtigste Neuverpflichtung kein Spieler. Sam Hallam übernimmt die Mannschaft und unterschrieb einen Vertrag über drei Jahre.

Der Schwede gewann als Cheftrainer mit Växjö drei Meistertitel und führte anschliessend die schwedische Nationalmannschaft. Er gehört damit zu den renommiertesten Trainern, die in den vergangenen Jahren in die National League gewechselt sind.

Das ist mehr als ein neuer Mann an der Bande. Ein Trainer dieses Profils verändert Trainingskultur, Spielstruktur und Erwartungshaltung. Genève besitzt seit Jahren genügend individuelle Qualität. Hallams Aufgabe wird sein, daraus wieder eine Mannschaft zu formen, die über Monate hinweg stabil auf Spitzenniveau spielt.


Die Begeisterung für das Schweizer Eishockey ist ungebrochen.

Davos setzt auf Qualität und den eigenen Weg

Der HC Davos kommt aus einer Saison, in der nur ein einziges Tor in der Verlängerung von Spiel sieben zwischen ihm und dem Meistertitel stand. Entsprechend musste der HCD keinen radikalen Neubau beginnen.

Besonders interessant ist die Verpflichtung von Frédéric Allard. Der kanadische Verteidiger kommt aus der schwedischen SHL. Mit Luleå wurde er Meister, und in den Playoffs 2024/25 war er mit 21 Punkten in 17 Spielen sogar der punktbeste Spieler der gesamten Endrunde. Das ist für einen Verteidiger aussergewöhnlich.

Dazu kommen mit Lars Steiner und Guus Van der Kaaij zwei junge Spieler zurück, die aus dem eigenen Umfeld stammen und zuletzt in Kanada spielten. Harrison Schreiber bringt zusätzliche Physis.

Davos bleibt damit Davos: weniger hektisch als andere, aber mit einer klaren Idee davon, welche Spieler zum eigenen Eishockey passen. Nach dem verlorenen Final dürfte die Motivation kaum kleiner geworden sein.

Lausanne bleibt gefährlich

Auch Lausanne sollte in keiner Rechnung fehlen. Axel Simic kehrt zum Klub zurück und unterschrieb für vier Jahre. Der vielseitige Schweizer Stürmer kennt die National League bestens und passt mit Tempo und Flexibilität gut in die Lausanner Struktur.

Über den Tausch mit Bern kommt zudem Romain Loeffel zum LHC. Lausanne verliert zwar Connor Hughes, erhält dafür aber einen der erfahrensten Schweizer Verteidiger der Liga.

Der LHC setzt damit weniger auf Revolution als auf gezielte Veränderungen. Genau das kann bei einem bereits konkurrenzfähigen Kader wertvoller sein als ein kompletter Umbruch.

Eine Liga ohne einfachen Favoriten

Fribourg trägt den Titel und beginnt deshalb logisch als Massstab. Aber ein Alleingang ist kaum zu erwarten. Bern hat seine Achse gestärkt. Zürich beginnt unter neuer Führung. Davos kommt aus einem Final, den es erst in der Verlängerung des siebten Spiels verlor. Lugano besitzt eine völlig neue Dynamik. Genève setzt auf einen Trainer von internationalem Format. Lausanne bleibt ein Gegner, der über eine ganze Saison hinweg schwer zu kontrollieren ist.

Die National League lebt heute von dieser Dichte. Es gibt Mannschaften mit mehr Geld, andere mit besseren Schweizer Spielern, manche mit herausragenden Ausländern und wieder andere mit einer besonders starken Organisation. Aber es gibt kaum noch Abende, an denen ein Spitzenklub mit halber Intensität einfach durchkommt.

Gerade in den Playoffs zählt deshalb zunehmend die Tiefe des Kaders. Wer nur zwei starke Linien besitzt, bekommt irgendwann Probleme. Wer im Tor keine Stabilität hat, bezahlt dafür. Wer seine besten Spieler über Monate überlastet, spürt es spätestens dann, wenn eine Serie über sechs oder sieben Spiele geht.

Die Schweiz erlebt keinen kurzfristigen Hockey-Hype

Dass die neue Saison mit so viel Aufmerksamkeit startet, hat aber nicht nur mit den Transfers zu tun. Das Schweizer Eishockey kommt aus Monaten, in denen der Sport eine aussergewöhnliche nationale Präsenz erreicht hat.

Schon der letzte National-League-Final war ein starkes Signal. Das entscheidende siebte Spiel zwischen Davos und Fribourg wurde schweizweit im Durchschnitt von mehr als einer halben Million Menschen am Fernsehen verfolgt. Über die gesamte Saison kamen mehr als 15 Millionen TV-Zuschauerkontakte zusammen. Gleichzeitig lag die durchschnittliche Auslastung der Stadien landesweit bei über 90 Prozent.

Dann kam die Heim-Weltmeisterschaft in Zürich und Fribourg.


Der Schweizer Eishockey-Boom reicht weit über die Arenen hinaus.

Die Heim-WM hat aus Begeisterung ein nationales Erlebnis gemacht

466’278 Zuschauerinnen und Zuschauer besuchten die WM-Spiele in Zürich und Fribourg. Rund 250’000 weitere Menschen kamen in die offiziellen Fanzonen. 1’950 Volunteers leisteten zusammen mehr als 203’000 Stunden Arbeit.

Das sind nicht einfach Eventzahlen. Sie zeigen, wie breit das Eishockey inzwischen getragen wird.

Sportlich lieferte die Nationalmannschaft den emotionalen Verstärker. Die Schweiz erreichte zum dritten Mal in Folge den WM-Final. Nach Silber 2024 und 2025 folgte vor eigenem Publikum die nächste Silbermedaille. Erst in der Verlängerung des Finals stoppte Finnland den Schweizer Traum vom ersten WM-Titel und gewann 1:0.

Das Entscheidende daran ist nicht die dritte Finalniederlage. Entscheidend ist, dass eine Schweizer Mannschaft inzwischen regelmässig in diese Spiele gelangt. Die Nati tritt nicht mehr als sympathischer Aussenseiter an, der auf einen perfekten Abend hoffen muss. Sie gehört zur Weltspitze.

Roman Josi wurde an der Heim-WM zum wertvollsten Spieler des Turniers gewählt. Leonardo Genoni stand im All-Star-Team. Sven Andrighetto gehörte zu den produktivsten Spielern der Weltmeisterschaft. Schweizer Spieler prägen längst nicht mehr nur die National League, sondern auch die NHL und internationale Turniere.

Warum der Boom nachhaltig sein kann

Der Schweizer Hockey-Boom besitzt mehrere Ebenen. Da ist zunächst die sportliche Qualität. Drei WM-Finals in drei Jahren verändern die Wahrnehmung einer ganzen Generation. Kinder sehen Schweizer Spieler nicht mehr bloss gegen Kanada, Schweden oder Finnland antreten. Sie sehen sie um Gold spielen.

Dann ist da die National League selbst. Sie verfügt über traditionsreiche Klubs, moderne Arenen, starke regionale Identitäten und Rivalitäten, die sich nicht künstlich erzeugen lassen. Fribourg gegen Bern, Ambri gegen Lugano, Davos gegen Zürich – solche Spiele funktionieren, weil hinter ihnen Jahrzehnte an Geschichte stehen.

Und schliesslich hat das Schweizer Eishockey eine besondere geografische Stärke. Es gehört nicht nur einer einzigen Grossstadt. Es lebt in den Alpen ebenso wie in Zürich, Bern, Lausanne, Genf oder Lugano. In Ambri ist ein Heimspiel Teil einer regionalen Identität. In Bern kommen riesige Zuschauermengen zusammen. In Fribourg hat der erste Meistertitel eine ganze Region elektrisiert. In Davos verschmelzen Tradition und internationaler Anspruch.

Auch das Frauen-Eishockey trägt zu dieser Breite bei. Die Schweizerinnen gewannen 2026 Olympia-Bronze, und 2028 wird die Frauen-Weltmeisterschaft in der Schweiz stattfinden. Der Sport wächst damit nicht nur an der Spitze der Männer-Nationalmannschaft, sondern auf mehreren Ebenen gleichzeitig.

Am 15. September beginnt die nächste Geschichte

Dann zählt wieder jeder Wechsel, jeder Block, jedes Powerplay und jeder Punkt.

Fribourg beginnt als Meister. Bern wirkt gefährlicher. Lugano ist neu zusammengesetzt. Zürich startet mit einer neuen Trainerautorität. Genève will unter Sam Hallam einen Schritt nach vorne machen. Davos hat die Niederlage aus Spiel sieben noch im Gedächtnis.

Die Ausgangslage könnte kaum besser sein.

Der Schweizer Eishockeysport kommt aus einer Rekordsaison und einer Heim-WM, die Hunderttausende in die Stadien und Fanzonen gezogen hat. Die Nationalmannschaft gehört zur Weltspitze. Die Hallen sind voll. Die Liga ist ausgeglichen.

Und diesmal wartet ganz Eishockey-Schweiz darauf, wer den Meister aus Fribourg vom Thron stossen kann.

 

Quelle: belmedia-Redaktion
Bildquelle: Bild 1: KI-Bild, Bild 2: KI-Bild ; Bild 3: KI-Bild

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