Vom Meistermärchen zur 0:7-Klatsche: Warum der FC Thun plötzlich so verwundbar ist

Vor gut einem Jahr stieg der FC Thun in die Super League auf, wenige Monate später vollendeten die Berner Oberländer mit dem Schweizer Meistertitel eines der erstaunlichsten Fussballmärchen des Landes. Nun zeigt die neue Saison die andere Seite dieses Erfolgs. Nach drei Meisterschaftsspielen stehen bereits zwei Niederlagen und elf Gegentore zu Buche.

Im Europa-League-Playoff bei Lech Poznań folgte mit dem 0:7 der bisherige Tiefpunkt. Die Ursachen reichen deutlich weiter als bis zu einem schlechten Abend in Polen.

Am 3. Mai 2026 war in Thun kaum vorstellbar, wie schnell sich die sportliche Ausgangslage verändern würde. Exakt ein Jahr und einen Tag nach dem Aufstieg in die Super League stand der FC Thun als Schweizer Meister fest. Ein Aufsteiger hatte die etablierten Schwergewichte des Schweizer Fussballs hinter sich gelassen und erstmals in der Vereinsgeschichte den Meistertitel gewonnen.

Der Erfolg war weit mehr als eine Momentaufnahme. Thun beendete die Saison 2025/26 mit 75 Punkten aus 38 Spielen. Die Mannschaft gewann 24 Partien, erzielte 80 Tore und verlor nur drei Punkte durch Unentschieden – bei gleichzeitig elf Niederlagen. Seit Einführung der gemeinsamen Schweizer Meisterschaft 1933/34 war Thun erst der zweite Aufsteiger, der unmittelbar danach Meister wurde.

Doch gerade ein genauer Blick auf diese Meistersaison hilft zu verstehen, weshalb der FC Thun heute verwundbarer wirkt.

Der Meistertitel beruhte auf einem aussergewöhnlich funktionierenden System

Thun wurde nicht Meister, weil die Mannschaft Gegner über langen Ballbesitz kontrollierte. Im Gegenteil: Mit durchschnittlich 45,8 Prozent Ballbesitz gehörten die Berner Oberländer in dieser Kategorie nicht zur Ligaspitze. Auch bei der Zahl der Pässe und bei der Passquote lag Thun im hinteren Bereich der Super League.

Die grosse Stärke lag gegen den Ball. Der FC Thun presste aggressiv, gewann Bälle ungewöhnlich weit vorne und zwang seine Gegner zu Fehlern. 354 hohe Ballgewinne und 621 Pressingsequenzen waren Ligabestwerte. Die durchschnittliche Balleroberungslinie lag bei 43,1 Metern. Dazu kamen neun Tore unmittelbar nach hohen Ballgewinnen.

Das System funktionierte, weil die Mannschaft als Einheit arbeitete. Wenn ein Spieler anlief, folgten die anderen. Wurden Räume geöffnet, waren die nächsten Spieler bereit, sie zu schliessen. Aus intensivem Pressing wurden Ballgewinne, aus Ballgewinnen schnelle Angriffe.

Thun spielte damit einen Fussball mit Risiko. Schon in der Meistersaison kassierte die Mannschaft 52 Gegentore. Der Meister war defensiv also keineswegs unantastbar. Entscheidend war, dass das Verhältnis zwischen Risiko und Ertrag stimmte.



Dann ging ausgerechnet die Kontinuität verloren

Einer der wichtigsten Erfolgsfaktoren der Meistersaison war die personelle Stabilität. Von 17 Spielern mit mindestens 1000 Einsatzminuten hatten bereits 13 in der vorherigen Saison für Thun gespielt. Es war eine Mannschaft, deren Abläufe über lange Zeit gewachsen waren.

Genau dieses Fundament wurde im Sommer stark verändert.

Mit Leonardo Bertone, Elmin Rastoder, Kastriot Imeri und Ethan Meichtry verliess eine komplette Achse des Meisterteams den Klub. Die Dimension dieses Verlusts lässt sich beziffern: Das Quartett hatte in der Meistersaison zusammen 40 Tore und 19 Assists beigesteuert – insgesamt 59 Skorerpunkte. Bei 80 Thuner Meisterschaftstoren ist das ein beträchtlicher Anteil der gesamten offensiven Produktion.

Rastoder war mit 15 Toren und sechs Assists Topskorer des Meisterteams. Imeri steuerte sechs Tore und acht Assists bei. Meichtry kam auf acht Treffer und drei Vorlagen. Bertone war nicht nur mit elf Toren und zwei Assists produktiv, sondern als zentraler Taktgeber von besonderer Bedeutung.

Und nicht nur Spieler gingen. Meistertrainer Mauro Lustrinelli wechselte nach vier Jahren in Thun zu Union Berlin in die Bundesliga. Mit ihm verliess jener Trainer den Klub, unter dem aus einem Challenge-League-Team zuerst ein Aufsteiger und anschliessend ein Schweizer Meister geworden war.

Der neue Trainer soll den alten Fussball fortsetzen

Mit Gian-Luca Privitelli verpflichtete Thun bewusst keinen Trainer, der alles verändern sollte. Der frühere Thuner Nachwuchstrainer und Schweizer U20-Nationalcoach steht ebenfalls für offensiven und intensiven Fussball. Privitelli erklärte bereits zu Beginn seiner Amtszeit, dass es falsch wäre, nach der erfolgreichen Arbeit der vergangenen Jahre plötzlich alles anders machen zu wollen.

Das ist nachvollziehbar. Gleichzeitig liegt darin eine der schwierigsten Aufgaben dieser Saison: Eine Spielidee lässt sich weiterführen, die dafür entscheidenden Spieler lassen sich jedoch nicht einfach kopieren.

Ein aggressives Pressingsystem ist besonders von Abstimmung abhängig. Schon wenige Meter Unterschied können darüber entscheiden, ob ein Gegner unter Druck gerät oder nach dem ersten überspielten Spieler plötzlich freien Raum vorfindet. Neue Spieler müssen nicht nur ihre eigenen Aufgaben kennen, sondern die Bewegungen sämtlicher Mitspieler antizipieren.

Genau diese Automatismen brauchen Zeit.

Der Saisonstart zeigte zunächst beide Gesichter

Dabei begann die neue Saison durchaus vielversprechend. Beim FC Luzern gewann Thun zum Auftakt mit 3:1. Auch international hielt die Mannschaft gegen den favorisierten kroatischen Meister Dinamo Zagreb erstaunlich gut mit. Das Hinspiel der Champions-League-Qualifikation endete 1:1.

Im Rückspiel führte Thun in Zagreb sogar 2:0 und stand zeitweise vor einer grossen Überraschung. Nach dem Platzverweis gegen Captain Marco Bürki kippte die Begegnung allerdings. Dinamo glich aus und gewann nach Verlängerung 3:2.

Damit begann gleichzeitig ein Problem, das Thun durch die ersten Wochen der Saison begleitet: die enorme Belastung. Meisterschaft und Europacup-Qualifikation wechseln sich praktisch im Drei- oder Viertagesrhythmus ab. Privitelli reagierte mit einer ausgeprägten Rotation.

Gegen YB veränderte er seine Mannschaft auf sechs Positionen. Die Rechnung ging nicht auf.


Bereits zu Beginn der neuen Saison offenbaren sich beim Schweizer Meister grosse Lücken in der Defensive.

Elf Gegentore nach drei Meisterschaftsspielen

Beim 0:6 gegen die Young Boys war Thun praktisch chancenlos. Bereits nach 33 Minuten stand es 0:3. Das aggressive Pressing des Gegners setzte Thun selbst permanent unter Druck, während die eigene defensive Ordnung immer wieder auseinandergerissen wurde.

Eine Woche später folgte beim FC Basel die nächste Niederlage. Wieder rotierte Privitelli nach einem Europacup-Spiel auf sechs Positionen. Basel führte nach 53 Minuten 3:0 und gewann schliesslich 4:2.

Damit hat der amtierende Meister nach drei Ligaspielen drei Punkte und ein Torverhältnis von 5:11. Besonders auffällig: In sämtlichen drei Begegnungen kassierte Thun schon innerhalb der ersten zehn Minuten das 0:1.

Zwischendurch zeigte die Mannschaft allerdings auch, dass die alten Qualitäten nicht verschwunden sind. Víkingur Reykjavík wurde im Hinspiel der Europa-League-Qualifikation mit 3:0 besiegt. Trotz einer 2:3-Niederlage im Rückspiel erreichte Thun die Playoffs und hat damit mindestens die Ligaphase der Conference League sicher.

Es wäre deshalb falsch, von einem vollständigen sportlichen Zusammenbruch zu sprechen. Die Ausschläge sind jedoch wesentlich grösser geworden.

25 Gegentore in den ersten acht Pflichtspielen

Die Zahlen zeigen das eindrücklich. Seit dem ersten Europacup-Spiel gegen Dinamo Zagreb hat Thun acht Pflichtspiele absolviert: zwei in der Champions-League-Qualifikation, drei in der Super League und drei in der Europa-League-Qualifikation.

Dabei kassierte der Schweizer Meister insgesamt 25 Gegentore. Allein gegen YB, Basel und Lech Poznań waren es 17. Gleichzeitig gelangen auch starke Auftritte wie das 3:1 in Luzern oder das 3:0 gegen Víkingur.

Das Problem ist deshalb weniger fehlende Qualität als fehlende Stabilität. Thun kann weiterhin Spiele mit hoher Intensität dominieren. Wird die erste Pressinglinie jedoch überwunden oder sinkt die Abstimmung nur leicht, werden die Räume hinter dieser aggressiven Spielweise sehr gross.

Lech Poznań hatte genau darauf gewartet

Das 0:7 in Poznań war die bislang brutalste Demonstration dieser Schwachstelle.

Dabei begann Thun keineswegs katastrophal. In den ersten zehn Minuten hatten die Gäste selbst Möglichkeiten. Dann traf Patrik Wålemark zum 1:0. Nach 20 Minuten stand es 2:0, nach 25 Minuten 3:0. Noch vor der Pause erhöhten die Polen auf 5:0.

Nach dem Seitenwechsel folgten zwei weitere Treffer.

Wie gezielt Lech den Gegner analysiert hatte, erklärte Trainer Niels Frederiksen nach dem Spiel selbst. Seine Mannschaft habe gewusst, dass Thun stark mit Mannorientierungen verteidige. Dadurch würden Räume entstehen. Genau diese Bereiche hinter den Thuner Spielern wollte Lech mit intensiven Läufen und schnellen Vorstössen attackieren.

Die Polen mussten das Thuner System also nicht erst während des Spiels entschlüsseln. Sie waren darauf vorbereitet.

Privitelli übernahm nach der Partie seinerseits Verantwortung. Nach dem dritten Gegentor hätte er seine Mannschaft zurückziehen und die Formation verändern können. Stattdessen liess Thun weiterhin hoch verteidigen. Dadurch blieben die grossen Räume bestehen, die Lech bereits zuvor genutzt hatte.

Aus einem schlechten Zwischenstand wurde ein Debakel.

Das Problem ist grösser als ein einzelnes 0:7

Gerade deshalb wäre es zu einfach, die Niederlage von Poznań als einmaligen Ausrutscher abzuhaken. Das Ergebnis ist extrem, aber einige Ursachen waren bereits vorher sichtbar.

Die Mannschaft versucht weiterhin, den intensiven und mutigen Fussball des Meisterteams zu spielen. Gleichzeitig fehlen wichtige Figuren genau jener Mannschaft, die diesen Fussball perfektioniert hatte. Dazu kommen ein neuer Cheftrainer, zahlreiche neue Spieler, regelmässige Rotation und eine Belastung, wie sie der Klub in dieser Form während der Meistersaison nicht kannte.

Auch in der sportlichen Führung gab es Veränderungen. Anfang August übergab Meister-Sportchef Dominik Albrecht seine operative Verantwortung an Simone Rapp. Der Wechsel war nach Klubangaben vorbereitet und kein spontaner Entscheid aufgrund der Resultate. Trotzdem zeigt er, wie viel sich beim FC Thun innerhalb weniger Monate verändert hat.

Thun muss seine Identität nicht aufgeben – aber anpassen

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob Thun nach dem 0:7 plötzlich einen völlig anderen Fussball spielen sollte. Das wäre nach allem, was den Klub in den vergangenen Jahren erfolgreich gemacht hat, kaum sinnvoll.

Die Aufgabe besteht vielmehr darin, das Risiko besser zu kontrollieren.

Ein hohes Pressing kann weiterhin eine grosse Stärke sein. Aber eine Mannschaft muss erkennen, wann der Gegner die erste Linie regelmässig überspielt. Mannorientierung darf nicht dazu führen, dass nach einem verlorenen Zweikampf ganze Spielfeldzonen offenstehen. Und bei einem 0:3 in einem Europacup-Hinspiel kann die Priorität nicht mehr dieselbe sein wie beim Stand von 0:0.

Der FC Thun besitzt weiterhin genug Qualität, um konkurrenzfähig zu sein. Die Auftritte gegen Dinamo Zagreb und Víkingur haben das gezeigt. Auch die sichere Teilnahme an einer europäischen Ligaphase ist für einen Klub dieser Grösse ein bedeutender Erfolg.

Doch die Meistersaison hat die Erwartungen verändert. Wer als Aufsteiger unmittelbar Schweizer Meister wird, wird in der folgenden Saison nicht mehr wie ein gewöhnlicher Aussenseiter beurteilt.

Genau darin liegt vielleicht die härteste neue Realität für den FC Thun. Vor einem Jahr durfte die Mannschaft überraschen. Heute wird sie am eigenen Meisterstück gemessen.

Das 0:7 von Poznań löscht die historische Saison 2025/26 nicht aus. Es zeigt aber mit aller Deutlichkeit, dass der Schweizer Meister nach dem grössten Erfolg seiner Geschichte erneut eine Mannschaft formen muss. Und diesmal wissen die Gegner sehr genau, wie gefährlich Thun sein kann – und wo dieses mutige System verwundbar wird.

 

Quelle:belmedia-Redaktion
Bildquelle: Bild 1: KI-Bild; Bild 2: KI-Bild; Bild 3: KI-Bild

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